{"id":2846,"date":"2022-09-10T11:33:09","date_gmt":"2022-09-10T09:33:09","guid":{"rendered":"http:\/\/seterapi.dk\/?p=2846"},"modified":"2022-09-10T11:33:24","modified_gmt":"2022-09-10T09:33:24","slug":"traumaarbeit-mit-tsunami-opfern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/seterapi.dk\/?p=2846","title":{"rendered":"Traumaarbeit mit Tsunami-Opfern"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ursula Fu\u0308rstenwald<\/p>\n<p>Traumaarbeit mit Tsunami-Opfern<\/p>\n<p>Ein Erfahrungsbericht<\/p>\n<p>Direkt in Katastrophengebieten zu arbeiten erfordert einen besonderen Zugang zur Traumaarbeit. Wenn der Einsatz in der Dritten Welt stattfindet, erfordert dies eine noch spezifischere Umstellung. Dr. Raja Selvam und sein Team haben mit Tsunami-Opfern in Su\u0308dindien nach einem kurzzeittherapeutischen Interventionsmodell gearbeitet \u2013 un- ter vo\u0308llig anderen Bedingungen, als Traumatherapeuten in westlichen La\u0308ndern zu ar- beiten gewohnt sind.<\/p>\n<p>Der Projektrahmen<\/p>\n<p>Nach dem Tsunami im Dezember 2004 wurden in den Jahren 2005, 2006 und 2007 drei Projekte in Tamil Nadu, dem su\u0308do\u0308stlichen Bundesstaat Indiens, durchgefu\u0308hrt mit dem Ziel, Tsunami-Opfer zu behandeln. Ich selbst nahm am 3. Projekt im Jahre 2007 teil. Bei der Beschreibung des therapeutischen Ansatzes werde ich fokussiert u\u0308ber das Konzept und die Basisarbeit im ersten Projekt berichten, um die besonderen Mo\u0308glichkeiten ei- nes Hilfe-Einsatzes aufzeigen zu ko\u0308nnen, der in unmittelbarer zeitlicher Na\u0308he zu einem Katastrophenereignis erfolgt. Dadurch wird es mo\u0308glich, die Erfahrungen und Ergebnis- se eines so zeitnahen Einsatzes zu reflektieren.<\/p>\n<p>Ein internationales Team von insgesamt neun Therapeuten sowie einer Fotografin und einer Kamerafrau trafen sich in Chennai (Madras) zusammen mit dem leitenden Therapeuten Raja Selvam, der die Organisation Trauma Vidya zur Unterstu\u0308tzung von Tsunami-Opfern gegru\u0308ndet hat. Raja Selvam ist Psychologe und Bodynamik-Analyti- ker und hat seit vielen Jahren als internationaler Lehrer die Somatic Experiencing-Aus- bildung unterrichtet. Er ist in Tamil Nadu geboren und hat sich dadurch tief verpflichtet gefu\u0308hlt, seinen Landsleuten nach der Katastrophe Weihnachten 2004 zu helfen.<\/p>\n<p>Indien wurde von dem Tsunami, der dem Sumatra-Andamanen-Beben am 26.12.2004 folgte, schwer getroffen. 10 000 Menschen starben, viele von ihnen waren Kinder. Die Tsunamiwelle kam aus dem Golf von Bengalen und traf vor allem das Gebiet su\u0308dlich von Pondicherri, einem Gebiet, in dem es nicht viele Touristen gibt. Indien hat ca. eine Milliarde Einwohner, nur 5000 davon arbeiten nach Angaben des indischen Gesund- heitsministeriums innerhalb des Sozial- und Gesundheitswesens \u2013 Sozialarbeiter sind hierbei schon mit beru\u0308cksichtigt.<\/p>\n<p>Aus RAHM &amp; MEGGYESY (Hrsg.): Somatische Erfahrungen &#8230; \u00a9 G. P. Probst Verlag GmbH, Lichtenau\/Westf. 2019<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>306 \u25c6<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>Somatische Erfahrungen in der Traumabehandlung<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Alle Teammitglieder arbeiteten ehrenamtlich und bezahlten ihre Reise sowie Unter- kunft und Verpflegung selbst. Die Therapeuten waren erfahren in der Behandlung von Traumata und ausgebildet nach Peter Levines Somatic Experiencing (SE)\u00ae Trauma-Be- handlungsmethode.<\/p>\n<p>Arbeitsprogramm<\/p>\n<p>Die ta\u0308gliche Teambesprechung am Morgen dauerte zwei bis drei Stunden und war ein unverzichtbares Werkzeug, um die vielen Eindru\u0308cke, Einflu\u0308sse, Verwirrungen, kul- turellen Unterschiede und ko\u0308rperlichen Reaktionen im Team zu bewa\u0308ltigen. Diese Treffen mit Raja Selvam bestanden aus Unterricht, Debriefing sowie praktischem In- formations- und Erfahrungsaustausch. Nach dem Mittagessen begab sich das Team zu- sammen mit den Dolmetschern in unserem eigenen Bus zur Fahrt in die Do\u0308rfer ent- lang der Ku\u0308ste.<\/p>\n<p>Neben der direkten Arbeit mit Klienten wurde ein dreita\u0308giges Trainingsprogramm fu\u0308r Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und Sozialarbeiterstudenten an der regionalen Hochschule fu\u0308r Sozialarbeit durchgefu\u0308hrt. Raja Selvam unterrichtete die Teilnehmer im Plenum und die Teammitglieder leiteten die Schulung der Teilnehmer in Kleingruppen.<\/p>\n<p>Bei unserer Ankunft in den Do\u0308rfern wurden wir meist festlich empfangen \u2013 mit gro- \u00dfen Mandalas, die in bunten Farben den Boden schmu\u0308ckten. Die Frauen unserer Grup- pe bekamen Blumen fu\u0308r die Haare. Alle Teammitglieder erhielten die Mo\u0308glichkeit, die Stirn mit einem Tika in Rot und Wei\u00df zu markieren, dem religio\u0308sen Shiva-Symbol, ei- nem Segenszeichen, das das dritte Auge schu\u0308tzt.<\/p>\n<p>Eine o\u0308rtliche Kontaktperson, Lakshman, sorgte dafu\u0308r, dass die Do\u0308rfer auf unsere An- kunft vorbereitet waren. Meistens hatten die Einwohner im Vorfeld einen Fragebogen ausgefu\u0308llt, und mit Hilfe von Lakshman wurden die Trauma-Betroffenen aufgrund die- ser Informationen fu\u0308r die Behandlung ausgewa\u0308hlt. Daru\u0308ber hinaus fungierte er als Ko- ordinator fu\u0308r unsere Dolmetscher.<\/p>\n<p>Als Ausgleich zu den vielen emotionalen Herausforderungen \u2013 durch die ungewohn- te Umgebung, die unvertraute Kultur mit ihren uns fremden Traditionen \u2013 und um die Aufgabe besser bewa\u0308ltigen zu ko\u0308nnen, tagta\u0308glich und kontinuierlich mit Menschen zu<\/p>\n<p>arbeiten, die sowohl zutiefst leiden als auch unendlich viel verloren haben, war es wich- tig, dass das Team genu\u0308gend \u00bbRessourcen\u00ab zur Verfu\u0308gung gestellt bekam, so dass jeder Einzelne wieder in sein emotionales Gleichgewicht kommen konnte. Zwischen den Ein- sa\u0308tzen haben wir viele Tempel und einzelne Kirchen besucht, in denen wir an religio\u0308sen \u00bbPunshas\u00ab (Opferzeremonien) teilgenommen haben. Das hat bei einigen von uns wie ein (innerer) Reinigungsprozess gewirkt, der uns neue Energie gab. Daru\u0308ber hinaus hat es uns Versta\u0308ndnis dafu\u0308r vermittelt, welche Kraft die Bevo\u0308lkerung \u2013 und damit auch un- sere Klienten \u2013 aus den religio\u0308sen Traditionen scho\u0308pft.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Die Teammitglieder gaben einander auch Sitzungen als \u00bbDebriefing\u00ab und zur \u00bbRei- nigung\u00ab unserer eigenen Nervensysteme, um so eine U\u0308berwa\u0308ltigung durch die vielfa\u0308lti- gen Eindru\u0308cke zu vermeiden.<\/p>\n<p>Trauma-Behandlung<\/p>\n<p>Der Klientenkontakt bestand darin, zuerst den Fragebogen zu u\u0308berpru\u0308fen oder auszu- fu\u0308llen und die Klienten zu bitten, drei Symptome zu nennen, von denen sie sich Linde- rung wu\u0308nschten. Danach folgte ein psychoedukativer Teil, bei dem wir u\u0308ber den Zweck der Behandlung informierten, traumatische Reaktionen erkla\u0308rten sowie die Hausaufga- ben zur Fortsetzung des Behandlungsprozesses diskutierten. Anschlie\u00dfend begann die Behandlung. Vorab wurden die Klienten u\u0308ber verschiedene Fakten informiert:<\/p>\n<ul>\n<li>\u25b6 \u00a0dass wir ihnen kein Geld geben werden;<\/li>\n<li>\u25b6 \u00a0dass wir keine Medikamente verteilen werden;<\/li>\n<li>\u25b6 \u00a0dass sie ein bis anderthalb Stunden an Zeit fu\u0308r die Behandlung einplanen mu\u0308ssen;<\/li>\n<li>\u25b6 \u00a0dass wir sie jetzt nur einmal sehen werden, dass es aber nach vier Wochen und nach\n<p>acht Monaten jeweils ein Follow-up geben wird;<\/li>\n<li>\u25b6 \u00a0dasssieaufgefordertwerden,fu\u0308rsichselbstundfu\u0308rFamilienmitgliedermitTrauma-\n<p>Symptomen dieselben Methoden zu Hause anzuwenden, die wir ihnen zeigen und vermitteln werden.<\/p>\n<p>Unsere Intention war, den Klienten zu helfen, die Schocksymptome zu reduzieren. Die meisten Klienten litten an ko\u0308rperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen, Bauch- schmerzen, Schmerzen in Lende und Brust und sehr oft an starken Schmerzen in den Beinen und Armen \u2013 manche wiesen partiale La\u0308hmungserscheinungen auf. Wir haben die Symptome nicht na\u0308her medizinisch erforscht, sondern haben sie als Ausgangs- und Ansatzpunkt zur ko\u0308rperorientierten Arbeitsweise betrachtet. Dabei wurde der Schwer- punkt auf den ko\u0308rperlichen Ausdruck der PTBS-Symptome gerichtet.<\/p>\n<p>Wir haben das von Raja Selvam entwickelte CATS-Modell angewandt und uns nach folgenden ko\u0308rperlichen Zusta\u0308nden erkundigt:<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u25b6 Contraction: Kontraktion im Ko\u0308rper (Gefu\u0308hle von Verengung)<br \/>\n\u25b6 Arousal:Erregung(hoheAktivierungimNervensystem,WahrnehmungvonUnruhe) \u25b6 Terror:Angstzusta\u0308nde<br \/>\n\u25b6 States of Dysregulation: Zusta\u0308nde der Dysregulation (Zusta\u0308nde eines unkontrollier-<\/p>\n<p>ten, aus der Kontrolle geratenen Nervensystems wie z. B. Herzklopfen, Herzrhyth- mussto\u0308rungen, brennende Empfindungen, usw.).<\/p>\n<p>Wir legten unsere Aufmerksamkeit auf das Vorhandensein der beschriebenen CATS- Symptome. Bei deren Abwesenheit haben wir uns die Frage gestellt, ob dies ein mo\u0308gli-<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Traumaarbeit mit Tsunami-Opfern \u25c6 307<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 4\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>308 \u25c6<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>Somatische Erfahrungen in der Traumabehandlung<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>cher Ausdruck der Verleugnung oder eines Zusammenbruchs des Regulationssystems aufgrund der andauernden hohen Erregung sein ko\u0308nnte.<\/p>\n<p>Mit Metaphern arbeiten<\/p>\n<p>Den Klienten wurde ein leicht versta\u0308ndliches und einfaches Modell pra\u0308sentiert, um zu verstehen, was im Ko\u0308rper passiert, wenn er traumatisiert und im Schockzustand ist, und was wir tun, um die Symptome zu reduzieren. Wir haben die Klienten zum Beispiel gebeten, sich vorzustellen, dass &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; der Ko\u0308rper ein Wassertank sei. Wenn man mehr und mehr Wasser in den Tank fu\u0308llt und es keinen Abfluss gibt, steigt der Druck im Tank und er ist nahe daran zu explodieren. Was kann man tun, um das Problem zu lo\u0308sen? Man bohrt Lo\u0308cher in den Wassertank, und in die Lo\u0308cher werden Wasserschla\u0308uche gesetzt, so dass das Wasser ablaufen und somit der<\/p>\n<p>Wasserdruck fallen kann.<\/p>\n<p>Vergleichbares geschieht mit unserem Ko\u0308rper: Wenn zuviel Schock im Ko\u0308rper ist, steigt der Druck. Die Wasserschla\u0308uche ko\u0308nnen mit unseren Armen und Beinen verglichen werden, durch die etwas von der Energie, die in Symptomen, wie z. B. Schmerzen, gebunden ist, den Ko\u0308rper verlassen kann, damit Symptome sich lindern ko\u0308nnen.<\/p>\n<p>Manchmal ko\u0308nnen Wasserschla\u0308uche jedoch blockiert oder verstopft sein, so dass das Was- ser Schwierigkeiten hat, aus dem Tank abzuflie\u00dfen. Dann muss man die Wasserschla\u0308uche reinigen, damit das Wasser wieder frei flie\u00dfen kann.<\/p>\n<p>U\u0308bertragen auf den Ko\u0308rper gibt es auch Blockaden in unseren Armen und Beinen, die ver- hindern, dass etwas frei flie\u00dfen kann. Das kann in unseren Gelenken geschehen. Deshalb ist es wichtig, dass die Gelenke gereinigt werden. Durch Beru\u0308hren der Gelenke ko\u0308nnen sich derartige Blockaden o\u0308ffnen. Wenn der Ko\u0308rper sich zu o\u0308ffnen und die Symptome sich zu lo\u0308sen beginnen, kann es sich anfu\u0308hlen wie Wa\u0308rme oder Ka\u0308lte, die abflie\u00dft, oder sich als Zittern, Schaudern, Stechen oder Vibrieren bemerkbar machen, so als ob die Angst den Ko\u0308rper verla\u0308sst.<\/p>\n<p>Dieses einfache Modell hat bei unseren indischen Klienten viel Versta\u0308ndnis bewirkt. Wir haben auch andere Metaphern benutzt, die leicht zu u\u0308bertragen waren auf das, was mit den Symptomen, unter denen sie leiden, geschieht, oder auf den Heilungsprozess, der gerade begonnen hatte \u2013 zum Beispiel Metaphern aus der Natur.<\/p>\n<p>Ko\u0308rperberu\u0308hrungen<\/p>\n<p>Dann beru\u0308hrten wir den Ko\u0308rper der Klienten an verschiedenen Stellen mit unseren Ha\u0308nden. Immer mit dem Ausgangspunkt, dass die Person zuna\u0308chst die Aufmerksam-<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 5\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>keit auf die ko\u0308rperlichen Symptome richten soll, verbunden mit der Mo\u0308glichkeit, dass hier schon eine Vera\u0308nderung oder Besserung der oft schmerzhaften Ko\u0308rperteile eintre- ten kann.<\/p>\n<p>Wenn das nicht geschah, war es wichtig, fu\u0308r Bewegungen aufmerksam zu sein, spon- tane oder initiierte, und zu sehen, ob der Klient mit Hilfe von Aufmerksamkeit tiefer in ko\u0308rperliche Empfindungen eintauchen konnte. Es war auch wichtig zu beobachten, ob der Klient selbst spontan seinen Ko\u0308rper beru\u0308hrte und wo.<\/p>\n<p>Dabei ging es nicht um die Erlebnisse des Einzelnen wa\u0308hrend der Tsunami-Kata- strophe. Wir kannten nur wenige Fakten u\u0308ber die jeweils perso\u0308nliche Geschichte. In<\/p>\n<p>Anbetracht dessen, dass wir nur eine Behandlungssitzung zur Verfu\u0308gung hatten, ver- suchten wir, so weit wie mo\u0308glich perso\u0308nliche Berichte zu vermeiden, um zu verhindern, dass der Einzelne sich in seiner Erinnerung an dramatische Erlebnisse verlor und es zu einer emotionalen, mit sympathischer Erregung hoch aufgeladenen U\u0308berflutung kam. Wir haben nur nachgefragt, wenn die Klientin oder der Klient apathisch oder abwesend wirkte, es also anzunehmen war, dass er u\u0308ber die Symptome dissoziiert war. In dem Fall wurde die perso\u0308nliche Erfahrung als Ausgangspunkt eingeladen, das Nervensystem ge- nu\u0308gend zu aktivieren, um mit dem Ko\u0308rper in Kontakt zu kommen. Nach Abschluss der Sitzung fragten wir, ob sich die Symptome im Vergleich zum Anfang vera\u0308ndert ha\u0308tten und u\u0308bertrugen Vera\u0308nderungen in eine Skala, um sie sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Ergebnisse<\/p>\n<p>Wir behandelten fast 200 Personen, die meisten waren Erwachsene aller Altersgruppen. Manche Menschen konnten nicht behandelt werden, zum Beispiel, wenn sie schon vor der Tsunami-Katastrophe eine Morbidita\u0308t hatten oder weil sie alkoholisiert waren oder weil sie nicht die notwendige Zeit fu\u0308r die Behandlung vorgesehen hatten.<\/p>\n<p>Die ko\u0308rperlichen Beru\u0308hrungen bewirkten in den meisten Fa\u0308llen eine Linderung der Symptome. Fu\u0308r viele hat sich das a\u0308hnlich angefu\u0308hlt wie oben beschrieben: dass etwas begann, sich aus dem Ko\u0308rper heraus zu bewegen, entlang der Arme, der Beine oder dem Kopf, entsprechend der Metapher mit den Wasserschla\u0308uchen.<\/p>\n<p>In den meisten Fa\u0308llen traten spontane Vera\u0308nderungen von Schmerz und Symptom- mustern auf. Einige Klienten wurden sogar schmerzfrei, manche konnten Teile des Ko\u0308r- pers wieder bewegen \u2013 eine Person konnte den Oberko\u0308rper wieder bewegen, der etwa seit anderthalb Jahren steif war. Die meisten Klienten erlebten gro\u00dfe Verbesserungen, fast niemand hat eine Verschlechterung der Symptome erlebt.<\/p>\n<p>Es ist wichtig zu beachten, dass es mit dieser Art von \u00bbKurzzeittherapie\u00ab nur mo\u0308glich war, das Symptombild relativ schnell zu a\u0308ndern, weil die Symptome noch nicht chro- nisch waren. Zwei Jahre nach der Tsunami-Katastrophe konnte man deutlich merken, dass die Physiologie signifikant komplizierter zu beeinflussen war, als es bei den fru\u0308her durchgefu\u0308hrten Behandlungen der Fall war.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Traumaarbeit mit Tsunami-Opfern \u25c6 309<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 6\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>310 \u25c6<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>Somatische Erfahrungen in der Traumabehandlung<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Indien ist eine Herausforderung<\/p>\n<p>Es war auffallend, dass die Symptome der Klienten fast ausschlie\u00dflich aus ko\u0308rperlichen Schmerzen bestanden. Fast niemand erwa\u0308hnte psychische Probleme oder Schlaflosig- keit. Das kann damit im Zusammenhang stehen, dass die ko\u0308rperlichen Symptome au- \u00dferordentlich massiv waren oder auch damit, dass eine kulturelle Komponente einen solchen Einfluss hat, dass beispielsweise psychische Symptome sta\u0308rker tabuisiert wer- den.<\/p>\n<p>Die Arbeit mit den Dolmetschern war eine besondere Herausforderung. Obwohl ich es durch meine damalige berufliche Ta\u0308tigkeit mit traumatisierten Flu\u0308chtlingen gewohnt war, mit Dolmetschern zu arbeiten, war das mit dieser Situation absolut nicht vergleich- bar: Keiner unserer Dolmetscher hatte eine Ausbildung als Dolmetscher. Die meisten waren 20 bis 25 Jahre alt, und es gab einige unter ihnen, die zwar einige wenige Seme- ster Englisch studiert hatten, es aber nie angewendet haben. Einige sprachen so schlecht Englisch, dass Sie nicht als Dolmetscher arbeiten konnten, aber sie folgten uns und wurden angelernt. Der ungewohnte, oft ausgepra\u0308gte Akzent machte es uns zudem meist nicht leicht, das U\u0308bersetzte zu verstehen.<\/p>\n<p>Zum gro\u0308\u00dften Teil arbeiteten wir in kleinen Gruppen: Klient, Therapeut, ein bis zwei Dolmetscher. Spa\u0308ter kamen ein bis zwei Personen aus dem dreita\u0308gigen Trainingswork- shop dazu, um die Anwendung der Methode direkt im Feld zu erlernen. Alle Gruppen haben auf dem Marktplatz gearbeitet. Bei einer Gruppe wurde die Sitzung auf Video aufgezeichnet.<\/p>\n<p>Oft kamen Nachbarn, Kinder oder Bekannte, um zum Beispiel eine Frau zu rufen, die gerade in Behandlung war, nach Hause zu kommen, um das Kind zu tro\u0308sten oder zu etwas Stellung zu beziehen. Es gab also sta\u0308ndig Unterbrechungen. Das erforderte ande- re Fa\u0308higkeiten als die therapeutischen, die wir in der Regel in unserem geschlossenen Therapieraum praktizieren.<\/p>\n<p>Keine Trauerarbeit<\/p>\n<p>Wir haben in unserer Arbeit keine expliziten Ressourcen angewandt, wie es sonst in der SE-Arbeit u\u0308blich ist. Die Situation an sich war wie eine ganz besondere Ressource: na\u0308m- lich dass die Klienten u\u0308berlebt hatten, dass sie zur Behandlung kamen und dass sie im Kontakt mit dem Therapeuten waren.<\/p>\n<p>Was uns am meisten belastet hat war, dass wir nicht mit Gefu\u0308hlen wie Trauer und Ver- lust arbeiten konnten. Dazu ha\u0308tte es mehr Sitzungen gebraucht, als wir zur Verfu\u0308gung hatten. Viele Klienten hatten mehrere Familienmitglieder verloren, oftmals Kinder. Die Menschen haben ihr Zuhause verloren und ihre Boote, die ihre ta\u0308gliche Einkommens- quelle waren. Wir waren in einem Dorf aktiv, in dem 200 Einwohner gestorben waren \u2013 150 von ihnen waren Kinder.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 7\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Wenn die Trauer aufkam, konnten wir damit nur so umgehen, dass wir dieses Gefu\u0308hl in seiner bedeutungsvollen Tiefe anerkannten und unser Bedauern ausdru\u0308ckten, dass wir da nichts tun ko\u0308nnen, aber dass wir ihnen helfen ko\u0308nnen die Trauma-Symptome im Ko\u0308rper zu reduzieren, wodurch sie besser in der Lage sein werden, den schwierigen Ge- fu\u0308hlen zu begegnen.<\/p>\n<p>Gegenu\u0308bertragung und die Gefahr der (sekunda\u0308ren) Traumatisierung<\/p>\n<p>Die starken Emotionen im Feld lo\u0308sten immer wieder starke Betroffenheit, U\u0308bertra- gungs- und Gegenu\u0308bertragungsreaktionen aus, sowohl bei den Therapeuten als auch bei den Dolmetschern. Die Therapeuten haben sich gegenseitig geholfen mit Sitzungen, was eine gro\u00dfe Hilfe war und Erleichterung brachte. Auch die Kamerafrau zeigte starke Reaktionen, zumal sie die Einzige war, die keine Traumatherapie-Ausbildung und somit weniger Erfahrung mit Selbstregulationsmo\u0308glichkeiten zur Verfu\u0308gung hatte. Der inten- sive Blick durch die Videokamera auf dieses Traumafeld, ganz nah am Auge, sehr direkt und fokussiert auf das Geschehen \u2013 na\u0308mlich die leidvollen Folgen von Trauma und den Umgang damit \u2013, und zugleich ohne in der Lage zu sein, selbst in helfende Handlung gehen zu ko\u0308nnen, das sind die Erfahrungen, die leicht traumatisieren ko\u0308nnen.<\/p>\n<p>Die Dolmetscher zeigten oft a\u0308hnliche Symptome wie die Klienten, zumeist ko\u0308rperli- che Symptome, besonders Druck in der Brust und Angst. Einige von ihnen hatten den Tsunami perso\u0308nlich erlebt. Wir Therapeuten machten es uns zur Aufgabe, diese Sym- ptome mit unseren Dolmetschern zu bearbeiten, damit sie mo\u0308glichst keine Symptome mit nach Hause nahmen.<\/p>\n<p>Positive Erfahrungen<\/p>\n<p>Drei Wochen Arbeit in Indien unter den beschriebenen Umsta\u0308nden waren eine ein- zigartige, sehr besondere Erfahrung in meiner therapeutischen Arbeit und haben dazu beigetragen, meine Fa\u0308higkeiten sowohl perso\u0308nlich und als auch therapeutisch zu erwei- tern. Von mehreren Therapeuten meines Teams habe ich A\u0308hnliches geho\u0308rt. Die vielen Eindru\u0308cke und Empfindungen waren oft fast u\u0308berwa\u0308ltigend und die Bevo\u0308lkerung hat mit ihrer phantastischen Ausdruckssta\u0308rke und einer vo\u0308llig aggressionsfreien Haltung ei- nen starken Eindruck auf mich gemacht. Es weckt eine Sehnsucht, zuru\u0308ckzukehren und dort erneut mit traumatisierten Menschen in ihrer gewohnten Umgebung zu arbeiten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Traumaarbeit mit Tsunami-Opfern \u25c6 311<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursula Fu\u0308rstenwald Traumaarbeit mit Tsunami-Opfern Ein Erfahrungsbericht Direkt in Katastrophengebieten zu arbeiten erfordert einen besonderen Zugang zur Traumaarbeit. Wenn der Einsatz in der Dritten Welt stattfindet, erfordert dies eine noch spezifischere Umstellung. 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